Manche Spiele erklären ihre Regeln innerhalb weniger Minuten und schicken uns anschließend ins Abenteuer. The Scroll of Taiwu gehört definitiv nicht dazu. Das Rollenspiel von ConchShip Games wirft uns in eine gewaltige, von chinesischer Mythologie und Wuxia-Geschichten inspirierte Welt und macht ziemlich schnell deutlich: Wer hier wirklich alles verstehen möchte, sollte etwas Geduld mitbringen.
Dafür bekommt man ein Rollenspiel, das sich erfreulich deutlich vom üblichen Fantasy-Einerlei abhebt. Statt Ritter, Orks und mittelalterlicher Burgen bestimmen chinesische Kampfkunst, unterschiedliche Schulen, Beziehungen und eine gehörige Portion Mystik das Geschehen.
Ein Wuxia-Abenteuer nach eigenen Regeln
Im Mittelpunkt steht Taiwu, dessen Rolle wir übernehmen und dessen Geschichte wir weitgehend selbst schreiben. Statt einer streng vorgegebenen Handlung erwartet uns eine Sandbox, in der zahlreiche Systeme ineinandergreifen.
Wir erkunden die Welt, treffen unterschiedlichste Charaktere, bauen Beziehungen auf, beschäftigen uns mit verschiedenen Kampfkünsten und entwickeln unseren Charakter immer weiter. Gleichzeitig verändert sich die Spielwelt um uns herum.

Gerade diese Freiheit macht einen großen Teil des Reizes aus. The Scroll of Taiwu möchte keine Geschichte erzählen, bei der jeder Spieler dieselben Stationen in derselben Reihenfolge erlebt. Vielmehr entstehen viele kleine Geschichten aus den Entscheidungen, Begegnungen und Entwicklungen innerhalb der Spielwelt.
Dabei können Beziehungen ebenso wichtig werden wie die nächste große Auseinandersetzung. Freundschaften, Rivalitäten und andere soziale Verbindungen sorgen dafür, dass die zahlreichen Figuren nicht ausschließlich als Händler oder Questgeber wahrgenommen werden.
Kampfkunst ist eine Wissenschaft
Natürlich darf in einem Wuxia-Rollenspiel die Kampfkunst nicht fehlen. Und davon gibt es reichlich.
Unterschiedliche Schulen und Techniken eröffnen zahlreiche Möglichkeiten, den eigenen Charakter zu entwickeln. Statt lediglich regelmäßig ein neues Schwert mit höheren Schadenswerten einzusammeln, beschäftigt man sich intensiv mit Fähigkeiten, Techniken und deren Zusammenspiel.

Das sorgt für eine enorme spielerische Tiefe, stellt Einsteiger allerdings vor eine Herausforderung. The Scroll of Taiwu ist kein Spiel, das uns sämtliche Mechaniken mundgerecht serviert. Menüs, Werte und Systeme können gerade am Anfang regelrecht erschlagen.
Wer sich davon nicht abschrecken lässt und beginnt, die Zusammenhänge zu verstehen, entdeckt jedoch nach und nach ein erstaunlich umfangreiches Rollenspielsystem.
Eine Welt, die nicht auf uns wartet
Interessant ist vor allem, dass sich die Welt nicht ausschließlich um den Spieler dreht. Charaktere besitzen eigene Beziehungen und Interessen und können miteinander interagieren, während wir ganz anderen Dingen nachgehen.
Dadurch entsteht der Eindruck einer Welt, die auch ohne unser Zutun weiterexistiert.

Das ist eine der großen Stärken von The Scroll of Taiwu. Nicht jede Entwicklung wirkt spektakulär und nicht jede Begegnung endet in einer großen Questreihe. Zusammen erzeugen diese kleinen Ereignisse jedoch eine Sandbox, in der überraschende Situationen entstehen können.
Damit erinnert das Spiel stellenweise mehr an eine komplexe Lebenssimulation innerhalb einer Wuxia-Welt als an ein klassisches Rollenspiel.
Faszination und Überforderung liegen dicht beieinander
Allerdings ist genau diese Komplexität gleichzeitig die größte Schwäche.
The Scroll of Taiwu verlangt einiges von seinen Spielern. Zahlreiche Werte, Mechaniken und Menüs wollen verstanden werden, während gleichzeitig die Besonderheiten der Spielwelt kennengelernt werden müssen. Wer einfach nur ein unkompliziertes Action-RPG mit chinesischem Setting sucht, dürfte relativ schnell überfordert sein.

Hinzu kommt eine Präsentation, die funktional ist, aber nicht immer dabei hilft, die komplexen Zusammenhänge intuitiv zu erfassen. Man verbringt zwangsläufig einiges an Zeit in Menüs und mit dem Studium verschiedener Werte.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht – schließlich lebt das Spiel gerade von seiner enormen Tiefe. Etwas mehr Komfort und eine sanftere Einführung würden den Einstieg allerdings deutlich erleichtern.
China statt europäischer Fantasy
Was The Scroll of Taiwu dafür hervorragend gelingt, ist die Vermittlung seines Settings.
Chinesische Mythologie und Wuxia sind hier keine dünne Dekoration über bekannten westlichen Rollenspielmechaniken. Kampfkunstschulen, philosophische Einflüsse, gesellschaftliche Beziehungen und die Gestaltung der Welt bilden vielmehr das Fundament des gesamten Spiels.

Gerade für Spieler, die einmal etwas anderes als die nächste Variante europäischer Mittelalter-Fantasy erleben möchten, ist das ausgesprochen reizvoll.
Dabei sollte man sich allerdings bewusst sein, dass einige kulturelle Konzepte zunächst ungewohnt wirken können. Wer sich darauf einlässt, bekommt dafür einen spannenden Einblick in eine Form der Fantasy, die in westlichen Spielen noch immer vergleichsweise selten vertreten ist.
Kein Spiel für zwischendurch
The Scroll of Taiwu möchte verstanden werden. Das ist vermutlich die beste Beschreibung für das gesamte Spielerlebnis.
Wer lediglich ein paar Gegner vermöbeln, schnell bessere Ausrüstung finden und anschließend dem nächsten Questmarker hinterherlaufen möchte, ist hier falsch. Stattdessen geht es darum, Systeme kennenzulernen, Zusammenhänge zu entdecken und langsam seinen eigenen Platz innerhalb dieser ungewöhnlichen Welt zu finden.

Das sorgt anfangs durchaus für Frust. Gleichzeitig entstehen aber immer wieder diese schönen Momente, in denen plötzlich ein bislang verwirrendes System Sinn ergibt und sich dadurch neue Möglichkeiten eröffnen.
Die größte Hürde von The Scroll of Taiwu ist deshalb gleichzeitig eine seiner größten Qualitäten: Das Spiel nimmt seine eigene Komplexität ernst.
Fazit
The Scroll of Taiwu ist faszinierend, ungewöhnlich und manchmal ziemlich anstrengend.
ConchShip Games erschafft eine umfangreiche Wuxia-Sandbox, die mit ihren Kampfkunstsystemen, sozialen Beziehungen und der lebendigen Spielwelt erheblich mehr zu bieten hat, als der erste Eindruck vermuten lässt.
Gleichzeitig verlangt das Spiel Geduld. Die Benutzeroberfläche und die schiere Menge an Mechaniken machen den Einstieg unnötig schwierig und dürften einige Spieler bereits früh abschrecken.
Wer diese Hürde überwindet, entdeckt dahinter jedoch ein bemerkenswert tiefes Rollenspiel, das vor allem durch sein chinesisches Setting eine willkommene Abwechslung bietet. Mir hat der Ausflug in die Welt von Taiwu insgesamt gut gefallen, auch wenn ich mir an einigen Stellen etwas weniger Reibung zwischen Spieler und Spielsystem gewünscht hätte.
Kein Rollenspiel für jeden – aber gerade deshalb eines, das im Gedächtnis bleibt.
Wertung: 7/10 Sofakissen
Kurz & knapp
Genre: Rollenspiel / Sandbox / Strategie
Entwickler: ConchShip Games
Publisher: ConchShip Games
Promotion/PR: Mark Allen
Plattform: PC
Spielmodus: Einzelspieler
Verfügbarkeit
The Scroll of Taiwu ist für PC über Steam erhältlich.
Transparenzhinweis: Das Spiel wurde uns für diesen Test kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dies hat keinen Einfluss auf unsere Bewertung.

