Regen. Neonlichter spiegeln sich auf nassem Asphalt. Über den Straßenschluchten von Los Angeles ziehen riesige Werbebotschaften vorbei, während irgendwo in einer dunklen Seitengasse jemand Nudeln isst und vermutlich darüber nachdenkt, was einen Menschen eigentlich zu einem Menschen macht.
Es gibt Science-Fiction-Welten, die man schon nach wenigen Bildern erkennt. Blade Runner gehört definitiv dazu. Ridley Scotts Film aus dem Jahr 1982 hat nicht nur das Genre geprägt, sondern eine Ästhetik geschaffen, deren Einfluss Jahrzehnte später noch in Filmen, Computerspielen und Anime zu finden ist.
Und eigentlich liegt es ziemlich nahe, diese Welt auch als Pen-&-Paper-Rollenspiel zu besuchen.

Genau das ermöglicht Free League Publishing mit „Blade Runner – The Roleplaying Game“. Wir haben uns sowohl das Core Rulebook als auch das umfangreiche Starter Set angesehen – und ziemlich schnell festgestellt, dass das düstere Los Angeles auch am Spieltisch hervorragend funktioniert.
Von elektrischen Schafen und künstlichen Menschen
Die Geschichte von Blade Runner beginnt eigentlich schon lange vor dem Kinofilm. Grundlage war Philip K. Dicks 1968 erschienener Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep?“. Ridley Scotts Verfilmung übernahm zahlreiche Motive daraus, entwickelte daraus aber eine ganz eigene Welt.
Im Film jagt der ehemalige Polizist Rick Deckard künstlich geschaffene Menschen, sogenannte Replikanten. Diese sind ihren Schöpfern körperlich teilweise überlegen und äußerlich kaum von Menschen zu unterscheiden. Genau daraus entsteht eine der zentralen Fragen des gesamten Blade-Runner-Universums: Was macht einen Menschen überhaupt aus?

Sind Erinnerungen entscheidend? Empathie? Die biologische Herkunft? Und was bedeutet Menschlichkeit noch, wenn ein künstlich geschaffenes Wesen möglicherweise menschlicher handelt als diejenigen, die es erschaffen haben?
Das sind Fragen, auf die Blade Runner bewusst keine einfachen Antworten liefert. Gleichzeitig entstand mit dem Los Angeles des Jahres 2019 eines der einflussreichsten Science-Fiction-Settings überhaupt: Dauerregen, Dunkelheit, gigantische Konzerne, überfüllte Straßen, Leuchtreklamen und eine Mischung unterschiedlichster Kulturen. Dazu kommt Vangelis‘ legendärer elektronischer Soundtrack.
2017 setzte „Blade Runner 2049“ von Denis Villeneuve diese Welt fort. Die Geschichte spielt 30 Jahre nach dem Original und dreht sich um den Blade Runner K, der einer Entdeckung auf die Spur kommt, welche die bestehende gesellschaftliche Ordnung erschüttern könnte.
Und irgendwo zwischen diesen beiden Filmen befindet sich nun unser Spieltisch.
Willkommen im Jahr 2037
Das Rollenspiel von Free League spielt im Jahr 2037 und damit zwei Jahre vor „Blade Runner 2049“. Die Wallace Corporation hat gerade die neuen Nexus-9-Replikanten auf der Erde eingeführt. Als Spieler gehören wir zur Rep-Detect Unit des LAPD – und dabei dürfen unsere Charaktere sowohl Menschen als auch Replikanten sein.
Schon diese Entscheidung eröffnet interessante Möglichkeiten.
Denn Blade Runner ist eben nicht einfach ein Science-Fiction-Polizeispiel, bei dem wir Bösewichte verfolgen und anschließend zufrieden unsere Erfahrungspunkte zählen. Ermittlungen stehen zwar im Mittelpunkt, doch Free League legt großen Wert auf moralische Konflikte, persönliche Beziehungen und die Frage, wem wir eigentlich vertrauen können. Das Spiel greift damit bewusst die großen Themen der Filme auf: Identität, Erinnerung, Empathie, Hoffnung und die Macht großer Konzerne.

Mechanisch basiert Blade Runner auf Free Leagues bewährter Year Zero Engine, die unter anderem bei ALIEN, Tales from the Loop und Forbidden Lands zum Einsatz kommt. Für Blade Runner wurde das System allerdings angepasst. Ermittlungen und das Lösen von Fällen spielen eine besonders große Rolle.
Das Schöne daran: Die Regeln versuchen nicht, sich ständig vor die Geschichte zu drängen. Blade Runner funktioniert am besten, wenn man sich auf die Atmosphäre einlässt und gemeinsam einen Fall untersucht.
Free League – Spezialisten für besondere Welten
Hinter dem Spiel steckt mit Free League Publishing beziehungsweise Fria Ligan ein schwedischer Verlag, der sich mittlerweile einen beachtlichen Namen in der Rollenspielszene gemacht hat.
Zum Portfolio gehören unter anderem ALIEN – The Roleplaying Game, Tales from the Loop, Forbidden Lands, The One Ring, Vaesen, Twilight: 2000 und The Walking Dead Universe Roleplaying Game. Dabei hat der Verlag sowohl mit bekannten Lizenzen als auch mit eigenen beziehungsweise ungewöhnlicheren Settings Erfolg. Free League wurde bei den ENNIE Awards mehrfach zum „Fan Favorite Publisher“ gewählt.

Auch Blade Runner selbst konnte Preise einheimsen: Das Rollenspiel gewann 2023 zwei Gold ENNIE Awards für Layout und Design sowie Kartografie. Und gerade beim Durchblättern versteht man ziemlich schnell, warum.
Das Core Rulebook – schon das Buch erzeugt Atmosphäre
Das Core Rulebook ist weit mehr als eine nüchterne Sammlung von Regeln.
Die Gestaltung passt hervorragend zur Vorlage. Dunkle Seiten, Neonfarben, futuristische Benutzeroberflächen und großformatige Illustrationen erzeugen schon beim Lesen dieses typische Blade-Runner-Gefühl. Das Buch liefert natürlich die vollständigen Regeln, Charaktererschaffung und zahlreiche Informationen über Los Angeles und die Arbeit der Rep-Detect Unit.
Spieler können Blade Runner mit unterschiedlichen Spezialisierungen, Persönlichkeiten und Erinnerungen erschaffen. Gerade Letztere sind in diesem Universum natürlich ein spannendes Thema.

Hinzu kommen Regeln für Ermittlungen, Verfolgungsjagden, Kämpfe und all die Situationen, in denen eine Untersuchung plötzlich deutlich unangenehmer wird als geplant.
Dabei geht es nicht ausschließlich darum, Replikanten aufzuspüren und „in den Ruhestand zu versetzen“. Free League versteht Blade Runner vielmehr als Ermittlungsrollenspiel, in dem Fälle sehr unterschiedliche Hintergründe haben können. Konzernintrigen und persönliche Geschichten gehören ebenso dazu wie klassische Polizeiarbeit.
Wer anschließend tiefer einsteigen möchte, bekommt mittlerweile zusätzlichen Stoff. Mit „Fiery Angels“ gibt es beispielsweise einen weiteren Case File, während „Replicant Rebellion“ sogar einen deutlichen Perspektivwechsel ermöglicht: Dort schlüpfen Spieler in die Rollen von Mitgliedern des Replicant Underground. Mittlerweile existieren außerdem ein Asset Pack samt Solo-Modus sowie Umsetzungen für virtuelle Spieltische.
Das Starter Set – Tatortmaterial inklusive
Besonders gut gefallen hat uns das Starter Set.
Denn statt einfach nur ein dünneres Regelheft in eine große Schachtel zu packen, gibt Free League einer neuen Gruppe tatsächlich Material an die Hand, mit dem sie direkt loslegen kann.
Enthalten sind ein 80 Seiten starkes, komprimiertes Regelwerk und mit „Case File 01: Electric Dreams“ ein kompletter Fall auf 56 Seiten. Vier vorgefertigte Charaktere ermöglichen den schnellen Einstieg, ohne dass zunächst ein kompletter Abend für die Charaktererschaffung draufgeht.
Richtig schön wird es aber beim zusätzlichen Material.

Eine große farbige Karte zeigt Los Angeles im Jahr 2037. Dazu kommen 26 Beweisstücke für die Spieler – unter anderem Tatortfotos, Dokumente, Daten und Karten. Für die gesammelten Hinweise liegt sogar ein eigener Umschlag bei.
Außerdem gibt es 70 Karten für NPCs, Verfolgungsjagden, Hindernisse und die Initiative sowie acht transparente Spezialwürfel in den Größen W6, W8, W10 und W12.
Gerade die Beweismittel sind eine wunderbare Idee. Wenn statt „Du findest ein Dokument“ plötzlich tatsächlich ein Dokument auf dem Tisch liegt, bekommt eine Ermittlung sofort einen ganz anderen Charakter.
Und genau davon lebt Blade Runner.
Licht aus, Soundtrack an
Bei kaum einem anderen Rollenspiel würde ich so ausdrücklich empfehlen, sich ein wenig um die Atmosphäre am Tisch zu kümmern.
Das Blade-Runner-Setting funktioniert für mich vor allem deshalb so gut, weil es düster ist. Man muss daraus keine komplette Theateraufführung machen, aber gedämpftes Licht und etwas Musik verändern die Wirkung enorm.
Und hier führt eigentlich kaum ein Weg am Soundtrack der Filme vorbei.

Vangelis‘ Musik zum Originalfilm passt natürlich hervorragend zu einer Spielrunde. Auch der Soundtrack von Hans Zimmer und Benjamin Wallfisch zu „Blade Runner 2049“ funktioniert ausgesprochen gut als Hintergrundmusik. Die ruhigen elektronischen Flächen stören nicht beim Spielen, vermitteln aber sofort dieses Gefühl einer riesigen, dunklen und gleichzeitig faszinierenden Stadt.
Das war für mich tatsächlich einer der schönsten Aspekte beim Spielen: Blade Runner lässt sich wunderbar inszenieren.
Blade Runner war schon einmal ein Computerspiel
Wer Blade Runner lieber am Bildschirm erlebt, findet ebenfalls einen interessanten Vertreter.
1997 veröffentlichte Westwood Studios ein Blade-Runner-Adventure für den PC. Statt einfach Deckards Geschichte aus dem Film nachzuerzählen, schlüpfte man in die Rolle des Blade Runners Ray McCoy. Seine Ermittlungen liefen parallel zu Ereignissen des Films und griffen zahlreiche bekannte Orte und Figuren auf.

Das Spiel experimentierte zudem mit variablen Elementen und unterschiedlichen Handlungsverläufen und gilt bis heute als bemerkenswertes Adventure seiner Zeit.
Inzwischen existiert mit „Blade Runner: Enhanced Edition“ eine modernisierte Version von Nightdive Studios. Diese bietet unter anderem moderne Bildschirmauflösungen, Gamepad-Unterstützung und eine überarbeitete Oberfläche. Auch ESPER, Voigt-Kampff-Test, Spinner und die aus dem Spiel bekannte KIA-Datenbank sind wieder dabei.
Blade Runner als Anime
Auch Anime-Fans können das Universum besuchen.
„Blade Runner: Black Lotus“ entstand als Zusammenarbeit von Alcon Television Group, Adult Swim und Crunchyroll. Die 13-teilige Serie spielt im Jahr 2032 und damit ebenfalls zwischen den beiden Kinofilmen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau namens Elle, die ohne Erinnerungen erwacht und versucht herauszufinden, wer sie ist und weshalb sie über ausgesprochen tödliche Fähigkeiten verfügt.

Mit Shinji Aramaki und Kenji Kamiyama waren zwei bekannte Namen des Anime-Bereichs für die Regie verantwortlich, während „Cowboy Bebop“-Regisseur Shinichiro Watanabe als kreativer Produzent beteiligt war.
Wer sich also nach einer Rollenspielrunde noch nicht von Neonlicht, Replikanten und der Frage nach künstlichen Erinnerungen verabschieden möchte, bekommt reichlich Nachschub.
Ein Universum, das wie geschaffen für Rollenspiel ist
Blade Runner ist vielleicht nicht das klassische Rollenspielsetting.
Es gibt keine Dungeons voller Monster und auch nicht hinter jeder Straßenecke eine Schießerei. Stattdessen sitzt man manchmal da, betrachtet ein Beweisstück und fragt sich, ob die Person, die man gerade verfolgt, tatsächlich der Bösewicht dieser Geschichte ist.
Oder ob man selbst gerade auf der falschen Seite steht.
Genau darin liegt für mich die Stärke des Systems. Free League versucht nicht, aus Blade Runner einfach ein Action-Rollenspiel mit bekannter Lizenz zu machen. Stattdessen werden die Elemente aufgegriffen, die die Filme interessant machen: die düstere Zukunft, moralische Grauzonen, Ermittlungen und vor allem die Frage danach, was Menschlichkeit eigentlich bedeutet.
Das Core Rulebook liefert dafür die komplette Grundlage. Das Starter Set wiederum ist eine sehr schöne Möglichkeit, eine Gruppe ohne große Vorbereitung in diese Welt zu werfen – insbesondere aufgrund der zahlreichen physischen Beweismittel und Spielhilfen.
Und wenn draußen noch Regen gegen die Fensterscheibe prasselt, während im Hintergrund leise der Blade-Runner-Soundtrack läuft, ist die Illusion beinahe perfekt.
Wertung: 9 von 10 Sofakissen
Transparenzhinweis
Das „Blade Runner – The Roleplaying Game Core Rulebook“ sowie das „Blade Runner – The Roleplaying Game Starter Set“ wurden uns von Free League Publishing kostenfrei für diesen Test zur Verfügung gestellt. Dies hatte keinen Einfluss auf unsere Bewertung.

