Manchmal braucht es nur einen einzigen glücklichen Fund, damit sich ein komplettes Leben verändert. Für Grid wäre allerdings bereits die Tatsache, überhaupt einmal Glück zu haben, eine ziemlich fundamentale Veränderung. Der Protagonist von Overgeared gehört nämlich zu den Menschen, bei denen scheinbar grundsätzlich alles schiefgeht – im echten Leben genauso wie in der virtuellen Welt.
Crunchyroll hat uns die ersten beiden Folgen der neuen Anime-Serie vorab als Screener zur Verfügung gestellt. Und nach dem Auftakt lässt sich bereits sagen: Wer Geschichten über hoffnungslose Underdogs mag und mit Solo Leveling etwas anfangen konnte, sollte sich Overgeared zumindest einmal ansehen. Allerdings schlägt die Serie trotz einiger auffälliger Gemeinsamkeiten schnell einen etwas anderen Weg ein.
Ein Verlierer in zwei Welten
Young-Woo Shin hat Schulden, wenig Perspektive und auch sonst nicht gerade das Gefühl, vom Leben bevorzugt behandelt zu werden. Seine große Flucht aus dem Alltag ist Satisfy, ein enorm erfolgreiches VR-MMORPG, in dem Spieler nicht nur Abenteuer erleben, sondern sich tatsächlich Ruhm und sogar Wohlstand erarbeiten können.
Theoretisch zumindest.
Denn während andere Spieler in Satisfy erfolgreich sind, scheint Grid – so Young-Woos Name innerhalb des Spiels – auch dort vom Pech verfolgt zu werden. Er steckt viel Zeit hinein, ohne wirklich etwas vorweisen zu können. Dass ausgerechnet dieser Spieler irgendwann eine der außergewöhnlichsten Klassen des gesamten Spiels erhalten soll, gehört daher durchaus zur Ironie der Geschichte.
Der Wendepunkt kommt durch eine ausgesprochen schwierige Quest. Grid stößt auf das Vermächtnis des legendären Schmieds Pagma und erhält schließlich dessen Nachfolgeklasse. Das klingt zunächst nach dem berühmten Jackpot.
Dummerweise hat die Sache einen kleinen Haken -> seine bisherigen Werte werden zurückgesetzt.
Damit besitzt Grid plötzlich eine legendäre Klasse und Fähigkeiten, von denen andere Spieler nur träumen können – steht gleichzeitig aber praktisch wieder ganz am Anfang. Das offizielle Konzept fasst diesen Widerspruch wunderbar zusammen: Grid besitzt nun das Potenzial, gottgleiche Ausrüstung herzustellen, muss sich aber erst einmal wieder nach oben arbeiten.
Und genau an dieser Stelle beginnt Overgeared Spaß zu machen.
Vom Loser zum Schmied
Bereits die erste Folge mit dem passenden Titel „Legendary Class“ investiert viel Zeit darin, uns Grid eben nicht als geborenen Helden zu verkaufen. Er ist kein strahlender Retter, kein taktisches Genie und zunächst auch niemand, bei dem man automatisch denkt: Diesem Kerl gehört irgendwann die Welt.
Im Gegenteil.
Grid ist verbissen, frustriert, geldfixiert und kann ziemlich egoistisch sein. Sein permanentes Pech hat ihn nicht gerade zu einem besseren Menschen gemacht. Gleichzeitig steckt aber auch eine gewisse Hartnäckigkeit in ihm. Egal wie oft er auf die Nase fällt: Irgendwie macht er weiter.
Das unterscheidet ihn angenehm von zahlreichen Protagonisten, denen eine übermächtige Fähigkeit praktisch in den Schoß fällt und die anschließend nur noch demonstrieren müssen, wie überlegen sie allen anderen sind.
Grid bekommt zwar etwas ausgesprochen Mächtiges – nur kann er damit zunächst erstaunlich wenig anfangen.
In der zweiten Folge wird genau dieser Gedanke weitergeführt. Nachdem eine Wiederbelebung am Yatan-Tempel nicht mehr möglich ist, verschlägt es Grid ausgerechnet nach Bairan, einem Gebiet für deutlich erfahrenere Spieler. Seine fantastische neue Klasse bedeutet also keineswegs, dass plötzlich sämtliche Schwierigkeiten verschwunden wären. Vielmehr muss er erst lernen, was es überhaupt bedeutet, Pagmas Nachfolger zu sein. Die offizielle Beschreibung bringt die neue Richtung schön auf den Punkt: Wenn Grid die starken Gegenstände nicht einfach bekommen kann, muss er sie eben selbst herstellen.
Damit beginnt ausgerechnet das Schmieden – in vielen Rollenspielen eher Nebenbeschäftigung – zum Kern seiner persönlichen Entwicklung zu werden.
Und das ist eine durchaus charmante Idee.
Natürlich denkt man an Solo Leveling
Der Vergleich mit Solo Leveling drängt sich beinahe zwangsläufig auf.
Auch Overgeared hat seine Wurzeln in Südkorea. Im Mittelpunkt steht ebenfalls ein Mann am unteren Ende der Nahrungskette, dessen Leben durch ein außergewöhnliches Ereignis plötzlich völlig neue Möglichkeiten bekommt. Level, Fähigkeiten, Statuswerte und eine stetige Entwicklung der Hauptfigur spielen in beiden Geschichten eine große Rolle.
Aber bereits nach den ersten Folgen werden auch die Unterschiede deutlich.
Sung Jinwoo entwickelt sich in Solo Leveling recht schnell zum extrem kompetenten und zunehmend coolen Kämpfer. Seine Geschichte lebt stark von der Frage, wie mächtig er noch werden kann und welche Gegner ihm überhaupt noch gefährlich werden können.
Grid ist anders. Er ist chaotischer. Egoistischer. Lustiger. Und vor allem wesentlich weniger souverän.
Sein Ziel ist zunächst auch nicht, die Welt zu retten oder ein großer Held zu werden. Der Mann hat Schulden. Er möchte Geld verdienen. Viel Geld, wenn es irgendwie geht.
Dass ihm Satisfy dafür tatsächlich eine Möglichkeit eröffnet, verleiht dem Ganzen einen sympathisch bodenständigen Antrieb. Grid will seine legendäre Klasse nicht unbedingt einsetzen, weil ihn eine höhere Bestimmung dazu ruft. Er erkennt vielmehr, dass sich mit richtig guten Gegenständen ziemlich ordentlich verdienen lässt.
Das ist nicht besonders heldenhaft. Aber es ist menschlich.
Vom Webroman zum Anime
Wie schon Solo Leveling basiert auch Overgeared auf einem erfolgreichen koreanischen Stoff, der einen langen Weg hinter sich hat, bevor er als Anime auf unseren Bildschirmen landete.
Den Anfang machte die Web Novel des unter dem Namen Saenal bekannten Autors. Sie erschien ab Dezember 2014 und lief bis April 2024. Später folgte die Webtoon-Adaption, an der unter anderem Monohumbug von REDICE STUDIO und Team Argo beteiligt sind. Damit stammt Overgeared aus einem Umfeld, das inzwischen international einen erheblichen Einfluss auf Comics und Animation hat.
Gerade der Aufstieg koreanischer Webtoons zu internationalen Anime-Vorlagen ist längst kein Einzelfall mehr. Solo Leveling dürfte dafür aktuell das prominenteste Beispiel sein, aber Overgeared zeigt, wie groß das Reservoir an Stoffen inzwischen ist.
Und Material dürfte genügend vorhanden sein.
Allein die ursprüngliche Geschichte lief beinahe zehn Jahre. Der Anime steht also wirklich erst am Anfang von Grids Reise.
J.C.Staff übernimmt die Animation
Für die Anime-Adaption zeichnet J.C.Staff verantwortlich. Das Studio hat über die Jahre an einer beeindruckenden Zahl bekannter Produktionen gearbeitet. Die Regie übernimmt Ayako Kono, die unter anderem an Sword Art Online The Movie -Progressive- gearbeitet hat. Für die Serienkomposition ist Kenta Ihara verantwortlich, Ryosuke Tanigawa kümmert sich um die Charakterdesigns und Yoshiaki Fujisawa komponiert die Musik.
Gerade Kono passt dabei thematisch durchaus gut zu einem Anime, dessen Handlung große Teile seiner Zeit in einem virtuellen Rollenspiel verbringt.
Optisch liefern die ersten Folgen einen ordentlichen Eindruck. Overgeared versucht dabei gar nicht erst, seine Herkunft aus der Welt der MMORPGs zu verstecken. Statuswerte, Klassen, Ausrüstung und die Regeln von Satisfy gehören zur Geschichte und werden entsprechend präsentiert.
Das Opening „SATISFY“ stammt von Re:name, während TAO mit „Ray of Emotion“ das Ending beisteuert.
Zwei Folgen, die vor allem das Fundament legen
Nach zwei Episoden sollte man natürlich noch keine großen Aussagen darüber treffen, wohin sich eine komplette Serie entwickeln wird. Dafür befinden wir uns noch viel zu sehr in der Einführung.
Was Overgeared aber bereits schafft, ist eine interessante Ausgangslage.
Folge eins zeigt uns einen Mann, der in seinem Leben ziemlich tief unten angekommen ist und ausgerechnet in jener virtuellen Welt, die eigentlich seine Zuflucht sein sollte, ebenfalls nicht besonders erfolgreich ist. Die legendäre Klasse könnte sein Ausweg sein – nur macht die Geschichte nicht den Fehler, ihn deshalb innerhalb weniger Minuten zum unbesiegbaren Übermenschen zu erklären.
Die zweite Episode setzt genau dort an. Grid muss mit den Konsequenzen seines Klassenwechsels leben und überhaupt erst verstehen, wie er seine neuen Möglichkeiten nutzen kann. Das Schmieden rückt dabei stärker ins Zentrum, und damit bekommt Overgeared etwas, das die Serie von vielen anderen Level-und-Skills-Geschichten abheben könnte.
Mir gefällt außerdem, dass Grid nicht zwanghaft sympathisch geschrieben wird. Er darf gierig sein. Er darf dumme Entscheidungen treffen. Er darf sich maßlos über Dinge aufregen. Und er darf auch einmal auf die Nase fallen.
Gerade dadurch hat die Figur Luft nach oben.
Ein interessanter Start mit vertrauten Zutaten
Natürlich erfindet Overgeared das Genre nicht neu.
Virtuelle Welten, Statusfenster, Level-Ups und ein vermeintlicher Loser, der plötzlich Zugang zu einer außergewöhnlichen Fähigkeit bekommt – all das haben wir mittlerweile in zahlreichen Varianten gesehen.
Der Vergleich mit Solo Leveling liegt deshalb nahe und dürfte Overgeared gerade am Anfang begleiten. Wer allerdings lediglich einen neuen Sung Jinwoo erwartet, könnte überrascht werden.
Grid ist kein Sung Jinwoo. Und das ist gut so.
Nach den ersten beiden Episoden interessiert mich weniger, wann Grid endlich zum mächtigsten Spieler von Satisfy wird. Spannender finde ich die Frage, was dieser notorisch glücklose und ziemlich eigennützige Kerl aus seiner neuen Rolle macht – und ob der legendäre Schmied irgendwann vielleicht sogar außerhalb von Satisfy etwas an seinem Leben ändern kann.
Der Auftakt ist nicht perfekt und manches fühlt sich vertraut an. Trotzdem funktioniert die Mischung aus VR-MMORPG, Progression, Comedy und einem bewusst etwas kantigeren Protagonisten erstaunlich gut.
Von uns gibt es für den Start deshalb 7 von 10 Sofakissen.
Bewertung: 7/10 Sofakissen
Transparenzhinweis: Die ersten beiden Episoden von Overgeared wurden uns von Crunchyroll vorab als Screener zur Verfügung gestellt. Dies hat keinen Einfluss auf unsere redaktionelle Bewertung.

